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Schlachtfest

von Manfred Schreiber

(Layout: Klemens Manemann)

Wenn die kalte Jahreszeit mit dem ersten Frost kam, wurde in den Wolleaner Familien welche "Schwein hatten", das Schlachtfest vorbereitet.

Das ganze Jahr über fütterte man das Borstenvieh mit Küchenabfällen und mit Kartoffeln vermengten Getreideschrot oder Eicheln, damit es ein Schlachtgewicht von 2-3 Zentnern erreichte. Kinder hatten oftmals die Aufgabe, von Nachbarn oder Verwandten Speisereste abzuholen, als Dank gab es dann beim Schlachtfest etwas ab oder man wurde zum Essen eingeladen.

Das Halten von Schweinen oder anderen Haustieren war nur möglich, wenn die Wohnhäuser einen Stall und einen kleinen Garten hinter dem Haus hatten. In vielen Werkswohnungen der NW&K gab es einen Anbau, in dem sich im allgemeinen eine Waschküche, ein Geräteschuppen, das Plumpsklo und der Schweinestall befanden. Die Toilette und der Schweinestall lagen aus praktischen Gründen dicht beieinander, denn sie hatten eine gemeinsame Jauchegrube. Auf dem Dachboden wurden Stroh und Hafer gelagert. Den anfallenden Schweinemist entsorgte man in einer Ecke des Gartens und nach dem Verrotten konnte er im Gemüsegarten untergegraben werden. 

Für das Schwein rückte die "letzte Stunde" näher, wenn der Schlachttermin abgesprochen war. Als Hausschlachter betätigten sich häufig Zimmerleute oder Maurer, die wintertags nicht arbeiteten konnten und sich etwas hinzuverdienen wollten. Ihr Handwerk hatten sie sich von den "Professionellen" abgeguckt. Am Morgen des Schlachttages musste kochendes Wasser im Waschkessel bereitstehen, weil man es zum Abbrühen des Schweines und zum Entfernen der Schweineborsten benötigte.
Das laut quiekende Schwein wurde dann mit einem Hinterbein an einem Baum festgebunden und erhielt mit der Rückseite einer Axt den Betäubungsschlag zwischen die Augen. Es fiel um, und mit einem gezielten Messerstich durchtrennte der Schlachter die Halsschlagader. Das ausströmende Blut musste in einer Schüssel aufgefangen und ständig gerührt werden, damit es nicht gerann.

Nun legte man das tote Borstentier in einen Holztrog, um es mit dem vorbereiteten Wasser abzubrühen. Anschließend wurden mit einer kegelförmigen Glocke die Borsten entfernt. War es dann ganz glatt, band man die Hinterpfoten an ein Querholz und dieses an eine Leiter. Mehrere Personen stellten die Leiter mit dem kopfüber hängendem Schwein an eine Wand und der Bauch wurde vom Hals bis zum Schwanz aufgeschnitten, um die Eingeweide zu entfernen. Während das Schwein auskühlte, reinigte man den Darm für die Wurstherstellung. Ein amtlicher Fleischbeschauer untersuchte unter dem Mikroskop, ob das Tier trichinenfrei ist, um dann den Freigabestempel auf das Fleisch zu drucken.

Danach wurde das Schwein zerteilt. Zunächst legte der Schlachter die Fleischstücke beiseite, die eingepökelt, d.h. in Salz eingelegt werden sollten. Andere Teile des Schweins bereitete man zum Einkochen oder Räuchern vor, denn nur so war die Haltbarkeit des Fleisches über längere Zeit gewährleistet. Was dann noch vom Schwein übrig blieb, kam größtenteils in die Wurst.

Viele Wolleanerfamilien griffen bei der Wurstherstellung auf landesübliche Spezialrezepte ihrer Vorfahren zurück. Je nach Herkunft der Familien aus Böhmen, Schlesien oder der hiesigen Region, gab es besondere Gewürze und Zutaten. Eine Blutwurst, die mit aufgeweichten Semmeln hergestellt wurde, schmeckte anders als eine Blutwurst mit Grütze.

Die Würste kochte man in einem großen Waschkessel und zwischendurch musste probiert werden. Die Erwachsenen tranken zwischendurch klaren Schnaps. Zur besseren Verdauung, so sagten sie. Wenn alles fertig war, setzte man sich zu einem gemeinsamen Abendessen zusammen. Dann gab es Wellfleisch, Blutwurst und Leberwurst mit Sauerkraut, Meerrettich und Senf, und alle aßen, bis sie nicht mehr konnten.

Die Fleisch- und Wurstbrühe wurde an die Nachbarn verteilt, die daraus am nächsten Tag eine schmackhafte Suppe bereiteten.

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